Werner Reiterer
Durchatmen. Catch your Breath.

21 May 2021 - 5 September 2021
Group exhibition

Kultum, Graz, Austria

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Seit dem März 2020 hält die Welt den Atem an. Besonders perfide trifft das Virus mit dem Atmen unsichtbar ins Zentrum unserer Existenz. Als täglicher Schutz gilt das Tragen eines Textils, das Distanz schafft und das Atmen gleichzeitig fühlbar schwerer macht. Eine Distanz, die zur allgemeinen Atembeschwerde wird, sich gesellschaftlich breit macht und in Gereiztheit, Angst, aber auch in Rückzug und Spaltung in vielen Bereichen mündet.
Das alles ist Grund genug, dass das KULTUM sich dem Atem für die erste Ausstellung nach dem Umbau des Gebäudes widmet. Mit Durchatmen zieht ein Mehrspartenprojekt für Kunst, Literatur, Neue Musik, Denken und Liturgie in die restaurierten Gemäuer ein. Dort entfaltet es sich in seiner unmittelbar physischen aber auch in seiner übertragenen und metaphorischen Dimension als organische Ausstellung und als breit aufgespanntes Programm. Durchatmen schafft aus dem Reizwort, das die Welt aus den Angeln zu heben scheint, eine Aufstellung an Übungen und Reflexionen zum Atem der das Leben antreibt.

Atem ist Leben: vom ersten Ein- zum letzten Ausatmen. Dazwischen liegt das Atmen von manchmal klarer, von kalter oder von dicker oder auch verschmutzter Luft. In religiöser Sprache ist der Odem, bzw. der Hauch Gottes ein Urbild von Belebung. Der Mensch ist vom Anfang und Ende seines Lebens vom Atem bestimmt: mit dem "eingehauchten Leben" beginnt das Lehmgebilde selbst zu atmen, um dann schließlich, mit einem letzten Atemzug sein Leben aufzugeben und "zur Erde zurückzukehren" (Gen 1,7 und 3,19). Der Atem Gottes übersetzt sich im Alten Testament auch als Hauch, als Sturm oder als Wind und ist gekoppelt an die Bewegung der Luft. Zu Pfingsten "fingen sie an zu reden“ und aus ihm wird der Atem der Sprache (Apg 2,4).

Auch im Alltag lesen wir über den Atem Stimmungen, formen mit ihm wirkmächtige Sprachbilder. Da gibt es freudiges Einatmen, entspanntes Ausatmen, angespanntes Atemanhalten. Inspiration folgt auf Respiration und gutes sowie arglistiges Konspirieren lässt sich nur gemeinsam. Für manches, gerade unter Corona braucht es einen langen Atem, anderes, wie Sport nach einer langen Netflix Nacht oder die Angst um wirtschaftliches Fortbestehen macht uns atemlos.

Die Furcht vor der kollabierenden Lunge hat die gesamte Welt im Jahre 2020 zu einem beispiellosen Stillstand gebracht und Atemwurde von Torsten Harmsen in der Berliner Zeitung zum Wort des Jahres nominiert. Neben Chaos und Angst hat das Atemanhalten 2020 aber auch für Hoffnungen auf eine mögliche ökologische Trendwende gesorgt.

Anknüpfend an die Traditionen von Pfingsten wird die Ausstellung am Pfingstwochenende im neu umgebauten Haus eröffnet. Es werden Schreibaufträge vergeben, die als Lesung zur Pfingstvigil in der Herz-Jesu-Kirche zu erleben sein werden, Ortspezifische Projekte und Leihgaben auf verschiedenen Sammlungen lassen das Haus lebendig werden und zeigen welches machtvolle Instrument der Atem jenseits des Transporters gefährlicher Aerosole sein kann.

KuratorInnen: Katrin Bucher und Johannes Rauchenberger (Ausstellung), Barbara Rauchenberger (LIteratur), Christoph Renhart (Neue Musik), Florian Traussnig (Diskurs)