Werner Reiterer
EINATMEN - AUSATMEN

2 June 2021 - 13 November 2021
Group exhibition

Kultum, Graz, Austria

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Was heißt „ATEM“ nach mehr als einem Jahr Corona? Atmen scheint in Gegenwart der anderen gefährlich, so sehr, dass es die bedrohliche Krankheit auslösen kann, die die gesamte Welt seit mehr als einem Jahr in Atem hält. Besonders perfide trifft mit dem Atmen das Virus unsichtbar ins Zentrum unserer Existenz. Als täglicher Schutz gilt das Tragen eines Textils, das Distanz schafft, Kommunikation behindert und das Atmen gleichzeitig fühlbar schwerer macht. Wie kehren wir zum Atem als die Grundbewegung von Leben zurück? Atem ist Leben, Atem ist Geist! Mit Pfingsten, dem Fest des Atems und des Feuers, begann der Atem-Schwerpunkt des KULTUM in Graz, der mit einer Pfingstvigil eröffnet wurde und der weit in den Herbst (auch als Ausstellung im steirischen herbst 21) hinein reicht.

Gastkuratorin Katrin Bucher Trantow (Chefkuratorin des Kunsthauses Graz) und Kurator Johannes Rauchenberger versammeln in der Ausstellung zur Wiedereröffnung des Minoritenzentrums mehr als ein Dutzend Künstlerinnen und Künstler, deren Werke tief existenzielle Beiträge zum Atem und zur Atemnot ebenso zur Anschauung bringen wie künstlerische Statements in einer zunehmend den Atem verlierenden Gesellschaft.
Die Ausstellung ist aber nicht nur eine künstlerische Reflexion auf die Corona-Zeit, sie arbeitet mit der noch vorhandenen Baustelle im historischen Gebäude des Minoritenklosters, die fast auf den Tag genau mit dem Ausbruch der Coronakrise begonnen hat und im Herbst vorerst zu Ende geht. Die Ausstellung zieht (sich) durch das gesamte Gebäude und endet in der Mariahilferkirche. Wo Vorhänge wehen, lässt sie das Gebäude seufzen, Notausgänge freilegen, Entspannungsorte schaffen. Sie lädt auf dem Smartphone nach Eden ein und zeigt Wege auf, dem Kontrolldruck zu entkommen und sich von einer inneren Atemnot zu befreien. Sie legt Atemlosigkeiten, mit denen wir uns in dieser Zeit abgefunden haben, frei. Sie geht aber vor allem besonders sensibel mit den Lebensmomenten um, in denen der Atem zum bewussten Lebenszeichen wird: Auch Liebeshauch, Atemnot und letzter Atem weben sich in die Erzählungen hinein. Nicht nur sichtbar, sondern vor allem auch hörbar und in seiner Verbundenheit mit der sozialen, politischen und physischen Hülle erfahrbar, werden sie als Kunst transzendiert. Sie zu erleben setzt unsere physische Anwesenheit voraus. Und mit ihr diesen historischen Ort der Minoriten im Zentrum von Graz neu zu erfahren.

m Frühling 2020 hielt die Welt vor laufender Kamera medienwirksam und sukzessive auf allen Kontinenten in einer nie da gewesenen Weise den Atem an. Seit das unsichtbare Virus SARS-CoV-2 grassiert, das die gefährliche Atemwegserkrankung COVID-19 auslöst, wechseln sich Durchhalteparolen mit Anschuldigungen ab.
Plötzlich scheint Atmen in Gegenwart der anderen gefährlich. Ängste, Überbelastung und mitunter feindliche Abgrenzung sind die Folgen. Besonders perfide trifft mit dem Atmen das Virus unsichtbar ins Zentrum unserer Existenz. Als täglicher Schutz gilt das Tragen eines Textils, das Distanz schafft und das Atmen gleichzeitig fühlbar schwerer macht. Was als anhaltender Ausnahmezustand begann, löste zu Beginn auch ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft (der Bedrohten) aus. Vor dem Virus schienen im Frühjahr 2020 alle gleich. Doch aus dem gemeinschaftlichen Atem-Anhalten wurde ein Seufzen, begleitet von News, Fake News, von Verwirrung, maximaler Unsicherheit, Ohnmacht und Zorn. Bruchlinien durch Gesellschaft, Familie und Freundeskreis wurden sichtbar. Vielen entzog der begrenzte Atem nicht nur Freunde, sondern sogar das Leben.

I can´t breathe! Das war ein Hilfeschrei, der in der Folge weltweit die ersten Großdemos in der Corona-Zeit auslöste. Der fatale Erstickungstod von George Floyd erschütterte den Glauben an vermeintlich überwundene Spaltungen und Rassismen, deckte ein Anhalten gesellschaftlicher Vorurteile auf, und führte zum breiten Aufzeigen anhaltender Benachteiligungen weltweit. Sie erscheinen heute als ungute Vorboten der ungleichen globalen Verteilung der Vakzine.

Und dennoch: Neben dem Streit um Verhältnismäßigkeiten, um Gewinner und Verlierer des letzten Jahres, bleibt auch eine verbindende Erfahrung des Atmens als fragile Grundkonstante unserer aller Präsenz.

Die Gruppenausstellung widmet sich künstlerischen Arbeiten, die Abhängigkeiten zwischen individuellem Atem, Körper und Gesellschaft deutlich machen. Physischer Körper und Gesellschaftskörper zeigen sich darin interdependent. Entsprechend ihrer Körperbezogenheit findet die Ausstellung in der Baustelle kurz vor der Fertigstellung und Schließung aller Gebäudeoberflächen statt. Sie dockt osmotisch an das Gebäude an und haucht dem großen Umbauprojekt bei den Minoriten, das während des gesamten letzten Jahres geschah, begleitend zum Finale den „Atem“ ein. Die Schau entfaltet sich über ihre eigene Laufzeit weiter und wird – nach einer zur endgültigen Finalisierung des Bauabschnittes bedingten Unterbrechung im August – bis zur Wiedereröffnung des renovierten Minoritensaals und der neu gestalteten Höfe ab September – in einer sich weiterentwickelten Adaptierung (von u.a. mit Anita Fuchs und einer Wildpflanzenwiese) zu sehen sein. Die Ausstellung entfaltet sich in ihrer unmittelbar physischen aber auch in ihrer übertragenen und metaphorischen Dimension in einem Nachdenken über den Atem nach mehr als einem Jahr Corona: Tief existenzielle Beiträge sind ebenso zu sehen wie künstlerische Statements zu einer zunehmend den Boden verlierenden Gesellschaft. Wenn der Atem der Ort des Austauschs ist, in der Umwelt und Mensch direkt und systemisch ineinandergreifen, ist das Unterbinden, oder Filtern dieses Austausches eine reale Distanzierung zwischen Menschen, zwischen Mitmensch und gemeinschaftlicher Umwelt. EINATMEN – AUSATMEN, der Ausstellungstitel, schafft aus dem Reizwort, das die Welt aus den Angeln zu heben scheint, eine Aufstellung an Übungen und Reflexionen zum Atem, der das Leben antreibt.

Katrin Bucher Trantow (Chefkuratorin Kunsthaus Graz) und Johannes Rauchenberger (Leiter KULTUM) versammeln in der Ausstellung EINATMEN – AUSATMEN mehr als ein Dutzend Künstlerinnen und Künstler. Die Ausstellung ist nicht nur eine künstlerische Reflexion auf die Corona-Zeit sondern wird auch dem renovierten Minoritenkloster neuen Atem einhauchen.